Dr. phil. Wolfgang Karb

Ungehaltene Rede

Die Würde des Menschen - ein kostbares und gefährdetes Gut

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Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages,

ich danke für die Einladung, vor Ihnen sprechen zu dürfen.

Aus folgenden Gründen habe ich gezögert, Ihre Einladung anzunehmen:

Ich verstehe nichts von Politik, gehöre keiner Partei an und kann Friedrich Nietzsches Erfahrung bestätigen, dass sich zum Parteimann nicht eignet, wer viel denkt: "Er denkt sich zu bald durch die Partei hindurch."

Dennoch möchte ich meine Vermutung vortragen und begründen, dass ohne die Beachtung des Grundgesetzes bei jeder einzelnen politischen Entscheidung und ohne ständiges Bemühen um Wahrhaftigkeit und soziale Gerechtigkeit eine vernünftige Politik für die Menschen dieses Landes nicht zu gestalten ist. Soziale Gerechtigkeit rangiert für die Deutschen als Wert vor der Freiheit: 58 Prozent würden dem Institut Forsa zufolge lieber in einer Gesellschaft leben, in der möglichst große Gerechtigkeit in dem Sinne herrscht, dass die sozialen Unterschiede nicht so groß sind und nur 34 Prozent würden lieber in Freiheit leben, wo sich jeder ungehindert entfalten kann. Wahrscheinlich ist die Politik aufgrund ihrer derzeitigen Struktur weit davon entfernt, den Menschen dieses Landes zu entsprechen und ständig in Gefahr, ihre Rechnungen und Reformen ohne den Wirt zu machen.

Seit über 10 Jahren wird dieses Land von verschiedenen Regierungen mit immer neuen Reformen malträtiert. Angesichts dieser hektischen Reformitis, zu welcher der Präsident des Bundesfinanzhofes Wolfgang Spindler im November 2006 sagte, dass sein Gericht dem Bundesverfassungsgericht in den vergangenen vier Jahren drei Mal so viele Steuer-Paragraphen zur Überprüfung vorgelegt habe wie im gleichen Zeitraum zuvor, angesichts dieser hektischen Gesetzgebungstätigkeit, bei der mitunter handwerkliche Fehler mit politischer Überheblichkeit gepaart sind und bei der die Erkenntnis immer schwerer fällt, was reformiert, was zurückreformiert oder was reformiertreformiert werden soll, sind Fragen zu stellen.

Hat sich in den letzten 15 Jahren die Lebensqualität in diesem Lande verbessert? Wurde eines der sog. politischen Kernprobleme gelöst? Was hat die sog. Jahrhundertreform Hartz IV bewirkt, welche die Kosten des Systems um 15 Prozent auf 44,4 Milliarden Euro und die Kosten für die Bürokratie dramatisch in die Höhe getrieben hat? Ist es Zufall, dass diese Reform den Namen eines Kriminellen trägt, der im Oktober 2006 vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig zugegeben hat, als Ex-VW-Personalvorstand Schmiergeld in Millionenhöhe an den früheren Betriebsratschef dieses Konzerns gezahlt zu haben?

Hat die seit 2003 betriebene Gesundheitsreform, deren überzeugender Abschluss nicht in Sicht ist, dazu geführt, dass auch nur eines ihrer Versprechen, z.B. stabile Krankenkassenbeiträge, erfüllt wurde? Wahrscheinlich stimmt das, was die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" im Januar 2007 angesichts der als "Durchbruch" dargestellten Einigung von CDU und SPD schrieb: "Diese Reform ist verkorkst, falsch und kontraproduktiv."

Könnte es sein, dass sich bei den derzeitigen ökonomischen und politischen Systembedingungen überhaupt keine Probleme mehr lösen lassen? Dass lediglich Problemverschiebungen möglich sind? Dass durch die sog. Lösung eines alten Problems ein neues erzeugt wird, das dann wiederum durch ein noch neueres Problem ersetzt wird, das mitunter belastender als das vorige ist? Wäre es noch eine Überraschung, wenn das Wort "Reform" demnächst zum Unwort des Jahres gekürt würde?

Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier hat es auf den Punkt gebracht, als er Ende des Jahres 2006 sagte:

"Der Bevölkerung darf nicht vorgemacht werden, der Staat könne mit immer mehr Gesetzen jedes Problem in den Griff bekommen".

Kolleginnen und Kollegen von Ihnen haben zugegeben, dass sie beispielsweise über die Gesundheitsreform entscheiden müssen, obwohl sie längst nicht mehr verstehen, worum es geht. Damit befinden sie sich in bester Gesellschaft: 79 Prozent der Bundesbürger begreifen laut einer Forsa-Umfrage nicht mehr, was die Regierung mit dieser Reform will. Wenn Politiker zur Prothese der Apparate werden, die sie eigentlich beherrschen sollen, und wenn 82 Prozent der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes glauben, dass die Politik auf die Interessen des Volkes keine Rücksicht nimmt, ist der Ernstfall eingetreten.

Die kurzatmige und hektische Politik der letzten Jahre scheint eine alte Weisheit zu bestätigen: Kleine Geister reden viel und agieren (während große Geister denken und wirken).

Da ich, wie gesagt, nichts von Politik verstehe, möchte ich mit einer philosophischen Aussage der Frau Bundeskanzlerin zu dem überleiten, worüber ich vor Ihnen sprechen will. Sie sagte vor nicht langer Zeit:

"Der Aktienkurs kann nicht Sinn des Lebens sein."

Damit wiederholt sie die alte Erkenntnis, dass der Sinn des Lebens etwas ist, das sich dem Kalkül der Ökonomie entzieht - also nichts Käufliches ist.

Ich habe mich in meinem bisherigen Leben ein wenig mit Philosophie beschäftigt und möchte aus dieser Perspektive die Sinnfrage unter das Thema: "Die Würde des Menschen - ein kostbares und gefährdetes Gut" stellen.

Nach Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" und Peter Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft" ist es Zeit für eine "Kritik des ökonomischen Verstandes", zu der ich einige Linien einer Skizze zeichnen will, die wie alle Skizzen ein vorläufiger Entwurf ist.

Bevor ich zu meinem Thema komme, bitte ich um Geduld für einige Vorbemerkungen und Verständnis für die Aufzählung von Fakten, die Ihnen wahrscheinlich bekannt sind:

Wir befinden uns, wie viele frühere Generationen auch, in einer Zeit des Umbruchs, in einer krisenhaften Epoche, die heute oft mit dem Modewort "Globalisierung" bezeichnet wird. Eine Internet-Abfrage bei einer bekannten Suchmaschine ergibt hierzu mindestens 11,4 Millionen Antworten in 0,08 Sekunden. Folgt man dem Ökonomie-Nobelpreisträger des Jahres 2002, Vernon Smith, ist Globalisierung ein modernes Wort für eine uralte menschliche Bewegung, ein Wort für das Streben der Menschheit nach Besserung der eigenen Lage durch Austausch - ganz nach dem weisen Ausspruch des französischen Ökonomen Frédéric Bastiat aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: "Wenn nicht Waren die Grenzen überschreiten, werden Soldaten dies tun."

Unter diesem Aspekt ist das vorläufige Scheitern der Doha-Runde in der Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2006 ein sehr ernster Vorgang, bei dem erneut die ärmsten Länder die großen Verlierer sind. Kofi Annan hat in seiner Eröffnungsrede zur 61. Vollversammlung der Vereinten Nationen am 19.09.2006 gesagt, dass die Globalisierung die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander treibt und dass die Vereinten Nationen hinsichtlich der Achtung der Menschenrechte in aller Welt bisher nicht genügend Fortschritte erzielen konnten.

Viele Experten verstehen unter "Globalisierung" einen Prozess weltweiter Vernetzung, der alles andere als einheitlich und in mindestens fünffacher Hinsicht verläuft:

  1. ökologisch,
  2. kulturell,
  3. politisch,
  4. ökonomisch,
  5. technisch bzw. technologisch.

Ohne einen zu diesen Globalisierungen parallel verlaufenden Prozess der "Global-Sanierung" versinkt die Welt möglicherweise in einem noch größeren als dem schon vorhandenen Chaos - und vielleicht endet sie sogar in einem Selbstmord der Menschheit.

Nach der von Fachleuten der Umweltorganisation Global Nature Fund und der Weltnaturschutzunion IUCN bestätigten Diagnose von Al Gore, dass wir es im Hinblick auf die zu erwartende Klimakatastrophe und die sich abzeichnende Knappheit der weltweiten Trinkwasservorräte mit einem "Notfall unseres Planeten" zu tun haben, und Stephen Hawkings berechtigter Sorge um das Ganze, vermute ich, dass sein technophiler Vorschlag, mit einem gentechnischen Eingriff in das menschliche Erbgut die Menschen weiser und weniger aggressiv zu machen und durch Auswandern ins Weltall das Überleben der Menschheit zu sichern, entweder nicht ganz ernst gemeint oder nicht weit genug gedacht ist. In diesem Zusammenhang hätte ich z.B. gerne gewusst, welcher Planet oder Mond innerhalb unseres Sonnensystems oder welches andere Sonnensystem innerhalb unserer Galaxie oder welche andere Galaxie als neue Heimat der Menschheit vom Physiker empfohlen wird.

Auf jeden Fall darf man gespannt sein, welche Ergebnisse der Planetensucher-Satellit "Corot" bringen wird, der Ende des Jahres 2006 ins All geschossen wurde.

Schon vor Jahren hat ein anderer Engländer, der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell, gesagt: "Noch nie hatte die Menschheit so viel Angst wie heute - und noch nie hatte sie soviel Grund dazu."

Dieser wahrscheinlich richtigen Diagnose möchte ich Friedrich Hölderlins ermutigendes Wort an die Seite stellen: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch."

Eine notwendige Voraussetzung der für das Überleben der Menschheit erforderlichen Global-Sanierung ist ein Bewusstseinswandel, der so tiefgreifend sein müsste, dass er nicht bloß unsere politischen Meinungen und unsere intellektuellen Ansichten, sondern unser Wahrnehmungsvermögen verändert. Dabei handelt es sich, wie Carl Friedrich von Weizsäcker schon im Jahr 1976 ausgeführt hat, um einen möglichen, aber sehr schmerzhaften Prozess, bei dem man sich von dem trennen muss, was man in relativer Verblendung für unerlässlich zum eigenen Lebensglück hält.

In einer kapitalistischen Gesellschaft mit neoliberalen Tendenzen wie der unseren sind dies vor allem der hohe Verbrauch von Waren und Energie, die Rolle des Geldes und die Struktur der Finanzsysteme. Die soziale Marktwirtschaft, in der bisher die zentralen Prinzipen des Kapitalismus: Privateigentum an Produktionsmitteln, dezentrale Steuerung der Wirtschaft über den Markt, das herrschende Zinssystem innerhalb der Finanzmärkte und die werbepsychologische Erzeugung von Konsumbedürfnissen, unangetastet geblieben sind, bedarf einer grundlegenden Überprüfung und neuen Ausrichtung am Maßstab der Menschenrechte und des Grundgesetzes.

Als er noch Vorsitzender der SPD war, hat Franz Müntefering einmal formuliert:

"Manche Finanz-Investoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter."

Das Vermögen der rund 6000 Private-Equity-Firmen wird auf 1,3 bis zwei Billionen Dollar geschätzt, das der rund 9000 Hedge-Fonds soll etwa 1,2 Billionen Dollar erreichen.

Die meisten der Investoren finanzieren den Kauf der Firmen nur noch etwa mit 20 Prozent aus Eigenkapital, den größten Teil aber mit Schulden, die sie dem übernommenen Unternehmen aufbürden. Der Präsident der Bundes-Aufsicht über die Finanzdienstleister BaFin, Jochen Sanio, nannte die Hedge-Fonds die "schwarzen Löcher des Weltfinanzsystems" und forderte eine globale Regulierung, um zu verhindern, dass durch den Zusammenbruch großer Hedge-Fonds große Finanzunternehmen mit in den Untergang gerissen werden. Die Europäische Zentralbank befürchtet durch den Crash eines großen Hedge-Fonds oder mehrerer kleiner erhebliche Wertverluste für Banken und Finanz-Unternehmen, die wiederum die Liquidität des Finanzmarktes und die Absicherung finanzieller Risiken gefährden würden. Die privaten Beteiligungsgesellschaften investieren häufig nicht in das Unternehmen und seine Arbeitsplätze , sondern finanzieren den Kaufpreis in erster Linie mit Fremdkapital, das von der erworbenen Gesellschaft zurückgezahlt werden muss, um dann das Eigenkapital abzuräumen. Viele der angeblichen Investoren sind in Wahrheit also Eigenkapitalräuber, die durch ihr Handeln die Zukunft nicht nur der Wirtschaft in Deutschland gefährden.

Die Entstehung von Weltwirtschaft und Weltgesellschaft vollzieht sich in einem atemberaubenden Tempo, das durch die technischen Produkte der Informatik weiter beschleunigt wird. Aufgrund des entsetzlichen Hungers, an dem jeden Tag unerträglich viele Menschen nicht nur in Afrika sterben, ist diese Weltgesellschaft eine Klassengesellschaft.

Nach dem Ende der zynischen und zerstörerischen Ideologien des Faschismus und Kommunismus im 20. Jahrhundert steht nun möglicherweise schon bald der Zusammenbruch des menschenwidrigen, digitalisierten Heuschrecken-Kapitalismus mit seinem globalen Rattenrennen um die höchsten Renditen bevor. Die von Müntefering angesprochenen Finanz-Investoren sind keineswegs alle anonym und haben sehr wohl Gesichter. Sie gieren im Auftrag von Konzernen und Aktionären nach Gewinnen und Größe und werden von einer gut geölten Steuervermeidungsindustrie dabei unterstützt, auf immer neuen Schleichwegen die deutsche Steuer zu umgehen. Nach Berechnungen des Finanzministeriums schleusen deutsche Unternehmen jährlich Gewinne bis zu 65 Milliarden Euro am deutschen Fiskus vorbei. Fachleute bezweifeln, ob die geplante Steuersenkung für Konzerne unter 30 Prozent dazu beitragen wird, dass die Firmen ihre Gewinne nicht mehr ins Ausland schaffen.

Im November 2006 hat die Bundesbank vor den wachsenden Risiken kreditfinanzierter Übernahmen durch die als "Heuschrecken" in Verruf geratenen internationalen Finanzinvestoren gewarnt, weil sie den aufgekauften Firmen hohe Schuldenlasten aufbürden und ihr Eigenkapital in einem verniedlichend genannten Prozess der "Rekapitalisierung" rasch wieder abziehen, wodurch neben den Unternehmen, wie gesagt, auch die finanzierenden Banken verwundbar werden.

Rüdiger Safranski hat im Jahr 2003 einmal gefragt: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Er hat in diesem Zusammenhang auf den ideologischen Globalismus und seine Varianten aufmerksam gemacht und dabei trefflich formuliert:

"die Global Players verfolgen die borniertesten, lokalen Eigeninteressen - aber mit globaler Reichweite."

Wer einmal aufmerksam in die Gesichter sog. Global Players geschaut hat, dem wird hinter der Maske des antrainierten Lachens und charaktermaskenhaften Grinsens der Zynismus nicht verborgen geblieben sein, den Peter Sloterdijk schon vor über 20 Jahren als aufgeklärtes falsches Bewusstsein und als unglückliches Bewusstsein in modernisierter Form nicht nur für den Bereich der Wirtschaft diagnostiziert und phänomenologisch beschrieben hat: ein Zynismus, der auch bei Regional- und Provinz-Playern in allen gesellschaftlichen Teilsystemen beobachtet werden kann.

Wie lange lassen sich die Menschen auf dieser Erde das kapitalistisch-zynische Falschspiel mit seinem irrsinnigen Tanz um das goldene Kalb der höchsten Renditen noch gefallen, bei dem z.B. die Manager des amerikanischen Konzerns Enron mit milliardenschweren Bilanzbetrügereien für die bisher größte Firmenpleite in Amerika gesorgt und unzählige Familien in den Ruin getrieben haben?

Es ist kein Zufall, dass die US-Börsenaufsicht Securities & Exchange Commission im Jahr 2006 bereits in 80 Fällen wegen Betrugs, Insiderhandels und Verstoßes gegen die Steuergesetze ermittelt hat, was nach Vermutungen von Experten lediglich die Spitze eines Eisberges darstellt. Dabei ist es nur ein schwacher Trost, dass der frühere Enron-Chef Jeffrey Skilling inzwischen zu mindestens 24 Jahren Gefängnis und sein krimineller Kollege Bernard Ebbers vom ebenfalls Pleite gegangenen Telekomkonzerns WorldCom zu 25 Jahren verurteilt worden sind.

Aus ähnlichem Holz scheinen in Deutschland auch einige Manager des Konzerns Daimler-Chrysler geschnitzt zu sein, der in einen millionenschweren Finanzskandal verwickelt ist und Schmiergelder gezahlt, Millionen in schwarzen Kassen versteckt und Steuern in großem Stil hinterzogen haben soll. Mehrere sog. hochrangige Manager aus dem Busbereich dieses Konzerns wurden bereits suspendiert, wegen Betrugs- und Korruptionsverdacht ermittelt die US-Börsenaufsicht seit 2004 gegen diesen Konzern, der sich einen ehemaligen FBI-Chef als Privat-Ermittler ins Haus geholt hat.

Bezüglich der Firma Siemens besteht laut Staatsanwaltschaft der Verdacht, dass über 400 Millionen Euro veruntreut wurden. Unter den insgesamt 12 Verdächtigen befinden sich auch zwei sog. hochrangige Manager, die Schmiergelder in schwarze Kassen ins Ausland transferiert haben sollen.

Im VW-Konzern drohen nicht nur einem Herrn, der inzwischen vor Gericht von Hartz IV auf Hartz 0 geschrumpft ist, Gefängnisstrafen wegen der global-kapitalistischen Dreifaltigkeit: Geldgier, Macht und Korruption, die auch im Geldtransportunternehmen Heros zu einem großen Betrugsskandal geführt haben.

Und vor nicht langer Zeit geriet der Biotechnik-Konzern Amgen wegen möglicher Bestechung von Ärzten ins Visier der Staatsanwälte, was der Bremer Professor und Gutachter Gerd Glaeske für die Spitze eines Eisbergs hält. Nach seiner Auffassung schrammen die Marketing- und Vertriebsmaßnahmen von Pharmakonzernen oft haarscharf an der Korruption vorbei. In diesem Zusammenhang hat Axel Munte, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, kürzlich gefordert, dass Pharmareferenten keine Praxen mehr besuchen sollten. Dadurch könnte vielleicht in Zukunft verhindert werden, dass Deutschlands Ärzte wie im Jahr 2005 laut Arzneiverordnungs-Report 3,5 Milliarden Euro zu Lasten der Beitragszahler durch Verschreiben immer neuer Medikamente ohne Zusatznutzen verschwenden. Im Dezember 2006 hat die Staatsanwaltschaft Ulm bei einer Großrazzia bundesweit knapp 400 Wohnungen früherer und aktiver Außendienstmitarbeiter des Pharmaunternehmens Ratiopharm durchsuchen lassen.

Gegen die Energiekonzerne E.ON und RWE, die vom Bundeskartellamt abgemahnt wurden, ermittelt die niederländische EU-Kommissarin Neelie Kroes wegen Kartellverdachts. Ihnen drohen hohe Strafgelder. Möglicherweise ist die innerhalb der Politik diskutierte Zerschlagung der Energiekonzerne der richtige Weg.

Der Präsident des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke forderte im November 2006 neben einer Überarbeitung des Strafrechts auch ethische Ansätze und sagte wörtlich: "Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Wirtschaftskriminalität dem Standort schadet."

Im Jahr 2005 verzeichnete die Kriminalitätsstatistik 90000 Fälle von Wirtschaftskriminalität mit einem Schaden von 4,2 Milliarden Euro. Seitdem sind immer mehr Konzerne der Schmiergeld-Wirtschaft ins Visier von Staatsanwaltschaften geraten.

Bereits im 19. Jahrhundert hat Karl Marx unter dem Einfluss der Anthropologie Georg Wilhelm Friedrich Hegels die Entfremdungslogik des kapitalistischen Falschspiels für seine Zeit analysiert - Analysen, die im 20. Jahrhundert u.a. von Ernst Bloch und den Frankfurter Philosophen der Kritischen Theorie um religionsphilosophische, psychoanalytische, soziologische, wissenschafts- und wahrheitstheoretische sowie kunst- und kulturtheoretische Aspekte erweitert und differenziert wurden, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Inzwischen liegen von Ökonomen durchdachte Vorschläge auf dem Tisch, wie die Wirtschaft nicht länger als "Nullsummenspiel", in dem es zwangsläufig Soll und Haben, Gewinner und Verlierer gibt, sondern als "win-win"-Spiel und solidarische Ökonomie in einer ökologisch nachhaltigen Gesellschaft gestaltet werden kann, in der es volks- und weltwirtschaftlich keine Verlierer mehr geben muss. Bereits 1944 erschien zu diesem Thema "Spieltheorie und ökonomisches Verhalten" des Mathematikers John von Neumann und des Ökonomen Oskar Morgenstern. 50 Jahre später bekamen die Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Selten, John Harsanyi und John Nash den Ökonomie-Nobelpreis für ihre Weiterführung und Konkretisierung der Ideen Neumanns und Morgensterns. Und vor kurzem hat der Mathematiker und Begründer der fraktalen Geometrie, Benoit Mandelbrot, nachgewiesen, dass die kapitalistische Weltformel, die Formel der Gaußschen Normalverteilung, mit der innerhalb der Finanzsysteme weltweit prognostiziert und kalkuliert wird, unhaltbar und die traditionelle Finanzmarktheorie eine "falsche Wissenschaft" ist, nach der z.B. der Aktiencrash vom 19. Oktober 1987 niemals hätte passieren dürfen.

In diesem Zusammenhang ist die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 2006 an den Ökonomen Muhammad Yunus und die von ihm gegründete Grameen-Bank ein Zeichen der Hoffnung, das zweierlei verdeutlicht: Es kann ohne Beseitigung der Armut keinen dauerhaften Frieden geben; Bemühungen zur Erzeugung wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung von unten sind erfolgreich, wenn Geld entgegen der kapitalistischen Gier-Logik nicht als Mittel zur Renditesteigerung für wenige und als Selbstzweck, sondern mit einer ganz anderen Haltung und Motivation als Mittel zur Armutsbekämpfung eingesetzt wird. Vielleicht wäre es ein noch überraschenderes Signal gewesen, wenn Yunus für seine erfolgreiche Theorie und Praxis den Wirtschaftspreis erhalten hätte: Schließlich schlägt seine Bank schon allein wegen der sensationell hohen Rückzahlungsquote von 98 Prozent die traditionellen kapitalistischen Geschäftsbanken um Längen.

Der Frage von Rüdiger Safranski "Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?" möchte ich eine weitere Frage hinzufügen:

Wieviel neoliberal-kapitalistische Globalisierung vertragen

Wie häufig in historischen Übergangszeiten, in denen sich alte Ordnungen und Wertvorstellungen, Formen des Wirtschaftens und des sozialen Zusammenlebens verändern und teilweise auflösen, gibt es neben großen Hoffnungen auch starke Ängste und eine tiefe Verunsicherung, die schon deshalb sehr ernst genommen werden müssen, damit der Preis nicht zu hoch wird, der für den erhofften Fortschritt bezahlt werden muss, worin auch immer dieser eines Tages bestehen mag.

Während die naiven Optimisten davon überzeugt sind, dass die Globalisierung in ökonomischer Hinsicht durch weltweite Arbeitsteilung auch in Niedriglohnländern Wachstum, Warenvielfalt und Wohlstand fördert, sehen die denkenden Skeptiker, dass die Globalisierung unter dem Diktat des Kapitalismus die Welt in ein Zeitalter des neuen Kalten Krieges geführt hat, der in einigen Regionen bereits ein heißer Krieg ist. Wir befinden uns mitten in einer Ära dramatischer Verteilungskämpfe um die knapper werdenden Ressourcen, verbunden mit dem Aufstieg und Niedergang von Nationen. Wir befinden uns im Krieg zwischen islamistischem und kapitalistischem Fundamentalismus, der vor allem durch die Bush-Regierung repräsentiert wird. Der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle sagte hierzu prognostizierend: "In zehn Jahren, ich schwöre es, sind die USA ein Gottesstaat." Schuld sei der "Religiositätswahnsinn", der George W. Bush zu verdanken sei, dessen Aussage vom 05.08.2004 in Washington niemand widersprechen wird: "Unsere Feinde denken ständig über neue Wege nach, wie sie unserem Land und unseren Bürgern schaden können - und wir tun

das auch." Ex-Außenminister Powell schrieb kürzlich in einem Brief: "Die Welt beginnt, an der moralischen Grundlage unseres Kampfes gegen den Terrorismus zu zweifeln." Bis zum völkerstrafrechtlichen Beweis des Gegenteils wird man Oskar Lafontaines Charakterisierung des amerikanischen Präsidenten als "Terroristen" nur schwer widersprechen können.

Beide Fundamentalismen werfen in projektiver Verzerrung, die sich wahrscheinlich aus tiefsitzenden Ängsten, Kränkungen, Ohnmachts- und Minderwertigkeitsgefühlen speist, jeweils dem zum Feind erklärten Anderen das vor, was sie selbst mit Macht wollen: die Weltherrschaft. Der Splitter im eigenen Auge ist das wirksamste Vergrößerungsglas.

Der republikanische US-Politiker Newt Gingrich hat bereits von "frühen Stufen" eines "Dritten Weltkriegs" gesprochen, was der Oberkommandierende der US-Truppen im Nahen Osten, General John Abizaid, bestätigt, der vor dem Ausbruch eines Dritten Weltkrieges gewarnt hat.

Vor nicht langer Zeit haben die fünf führenden Friedensforschungsinstitute in Deutschland vor einer Rückkehr zu nuklearen Abschreckungstheorien und Atomkriegsszenarien gewarnt. In seinem Bericht zu Massenvernichtungswaffen hat im Herbst 2006 der frühere Chef der UN-Atombehörde, Hans Blix, die Rückkehr zur Abrüstung gefordert. Die Abrüstung per Vertrag sei noch immer das beste Mittel zur Kriegsverhütung, Schadensbegrenzung und Kostenminimierung. Nur gemeinsame Sicherheit gewährleiste auch nationale Sicherheit. Wie lange will die Weltgemeinschaft es noch hinnehmen, dass die Kernwaffenmächte, die sich 1995 in "13 Punkten" zur Abrüstung verpflichtet hatten, ihrer Verpflichtung nicht nachkommen und stattdessen ihre Arsenale modernisieren? Ist die Hoffnung berechtigt, dass der Appell der amerikanischen Ex-Außenminister Henry Kissinger, George Shultz und anderer ehemaliger Politiker an ihre Regierung, sich für ein Verbot aller Nuklearwaffen einzusetzen, Gehör findet?

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat schon vor ca. 10 Jahren einige Auswirkungen der ökonomischen Globalisierungsprozesse auf Mensch und Gesellschaft beschrieben. Von ihm zunächst 2 statistische Angaben, die heute mehr denn je zutreffen.

( In Deutschland ist der Anteil der berufstätigen Männer zwischen 55 und 64 Jahren von fast 80 % im Jahre 1970 auf etwas über 50% im Jahre 1990 - und inzwischen auf ca. 40 % - gesunken. Der Tendenz nach wird die ökonomisch produktive Lebensspanne innerhalb der Arbeitswelt auf weit weniger als die Hälfte der biologischen Lebensspanne zusammengepresst, auch wenn in dieser oder jener politischen Partei, innerhalb der Bundesregierung und in einer Reihe von Unternehmen inzwischen der Wert erkannt worden ist, den ältere Arbeitnehmer aufgrund ihrer Erfahrungen haben).

Berufsbiographien in den kapitalistischen Ländern sind zunehmend durch Brüche und das Durchlaufen scheinbar unzusammenhängender Arbeitsfelder gekennzeichnet. Arbeit wird zunehmend projektförmig organisiert und raum-zeitlich weltweit verteilt. Sennett spricht in diesem Zusammenhang auch vom "Driften" als einem ziellosen Dahintreiben in einem Netz von Möglichkeiten. Die Beschäftigungsverhältnisse sind oft unsicher, zeitlich befristet und werden verstärkt outputorientiert entlohnt. Im Englischen des 14. Jahrhunderts bedeutete das Wort "Job" Klumpen oder Ladung, die man herumschieben konnte. Der "flexible Mensch" ist

ein Jobnomade und verrichtet Arbeit wie Klumpen - mal hier, mal da, wohin die Arbeit und der flexible Mensch von den Verwaltern des Kapitals und ihren Dienern gerade geschoben werden.

Das Motto der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks dominierenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung, in der es vor allem den großen Unternehmen letztlich um rücksichtslose neoliberale Profitmaximierung um jeden Preis geht, was auch in bestimmten wirtschaftlichen Kreisen offen zugegeben wird, ist u.a.: "Nichts Langfristiges, nichts Verbindliches!" Bleib ständig in Bewegung, gehe keine tieferen Bindungen ein, identifiziere dich nicht wirklich mit deinem Unternehmen. Es könnte schon morgen als ganzes oder in Teilen wieder verkauft sein - und du mit, wenn du nicht ohnehin schon vorher entlassen worden bist, um die Börsenattraktivität und Gewinne deines ehemaligen Arbeitgebers zu steigern. Seit dem Jahr 2000 ist die Verweildauer von deutschen Vorstandschefs auf ihren Posten von durchschnittlich 8,1 Jahren auf zuletzt 5,4 Jahre gesunken, womit die deutschen Unternehmen, die einst als Garanten der Beständigkeit galten, unter dem internationalen Durchschnitt liegen.

Die digital beschleunigte Ökonomie, bei der per Mausklick Volkswirtschaften an den Rand des Ruins gebracht werden können und die Erde in einen riesigen Markt verwandelt wird, ist auf das Kurzfristige ausgerichtet. Eine ungeduldige Hektik ist in vielen Unternehmen das vorherrschende Klima. Wer nicht schnell seine Nische im globalen Markt findet und dahin hetzt, wo gerade die größten Gewinne prognostiziert werden, was derzeit vom chinesischen Markt behauptet wird, findet sie so bald nimmermehr. Was kommt eigentlich nach der Sättigung des chinesischen Marktes, wenn die materiellen Bedürfnisse der dort lebenden Menschen und ihr Konsumhunger befriedigt worden sind? Wird es spätestens dann einen 3. Weltkrieg geben, um durch Vernichtung und Zerstörung wieder neue Märkte zu schaffen? Und wer wird davon profitieren?

Meine einleitenden Vorbemerkungen sind unvollständig und mögen dem einen oder anderen holzschnittartig erscheinen. Sie beleuchten aber einen bestimmten Ausschnitt heutiger Erfahrungen, und es lassen sich einige Fragen anschließen:

Was bedeuten diese Globalisierungsprozesse mit ihrer Tendenz zunehmender Beschleunigung und Digitalisierung für die arbeitenden Menschen selbst? Wem nützt diese Zunahme der Beschleunigung, die in einem "rasenden Stillstand" (Virillo) zu enden droht? Könnte es sein, dass der Einzelne schon längst zum Sklaven der bewussten Beschleunigung privat kontrollierter Geldströme geworden ist?

Wie die "grauen Herren" in Michael Endes Roman "Momo" kennt auch die globalkapitalistische Weltwirtschaft mit ihrer menschenverachtenden finanzmathematischen Grundgleichung "Zeit = Geld", die wahrscheinlich auf Benjamin Franklin zurückgeht, nur den messbaren, quantitativen Aspekt der Zeit als chronos. Dabei wird der Mensch durch die Uhrquantifiziert und verdinglicht. Sein Leben wird mit der Uhr gleichgeschaltet und durch den Druck des linearen Beschleunigungsmodells mit seinen Erfordernissen des Zeitplans und den Diktaten der ökonomischen Effizienz zusammengepresst. Die nicht von der Uhr erfassbare qualitative Bedingung der Möglichkeit des Zählens, Messens und Quantifizierens, nämlich kairos, das ständig neue unverfügbare einmalige JETZT als potentiell erfüllte Gegenwart und beglückender Augen-Blick, der sich zwischen Menschen ereignen kann, wird schlichtweg "vergessen", übersehen oder verdrängt. Stattdessen wird alles getan, um die Zeit durch Beschleunigung dem Grenzwert Null anzunähern, denn nur durch Beschleunigung aller Prozesse lassen sich Produktivität und Renditen steigern. Je weniger Zeit ein Akt der Produktion, Zirkulation oder des Informationsaustauschs kostet, desto günstiger für die

kapitalistische Hab-Gier und Bereicherung. Der Mensch degeneriert zum betriebswirtschaftlichen Kostenfaktor, der so minimiert werden soll, dass er zu guter Letzt als Partikel in einem brutalen Gewinnspiel verschwindet, von dem nur relativ wenige ökonomisch profitieren. Eine Gesellschaft, die so mit Zeit umgeht, dass keiner mehr welche hat, lebt nicht mehr (was immer man unter "menschlichem Leben" über den biologischen Begriff hinaus verstehen mag, den z.B. Humberto Maturana als "Autopoiese" definiert hat).

Wie wirkt sich diese ökonomische Grundgleichung z.B. innerhalb des Gesundheitssystems, in Arztpraxen und Krankenhäusern im Umgang mit den Patienten aus? Wie viele Ärzte werden noch aus diesem Land auswandern, weil sie woanders zumindest bessere Arbeitsbedingungen vorfinden? Im Jahr 2005 sind 145 000 Menschen aus Deutschland ausgewandert, mehr als die Hälfte der Emigranten ist jünger als 35 Jahre, darunter viele qualifizierte und hoch motivierte Köpfe. Der Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Helmut Schwarz, hierzu: "Wenn wir so weitermachen, wird Deutschland zum Auswanderungsland.(...). Nach einer Studie der OECD verliert kein zweiter Staat so viele Akademiker wie Deutschland, das es sich leistet, hochqualifizierte Feststoffphysiker Taxi fahren zu lassen, während an den Schulen Physiklehrer fehlen."

Wie wirken sich die kapitalistische Grundgleichung, die mit ihr einhergehende Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und die daraus abgeleitete digitalisierte Schematisierung der Relationen von Zeiteinheiten und Euro in der Pflege und Betreuung alter und behinderter Menschen aus? Inzwischen werden jeder Handgriff, jede Tablette, jeder Toilettengang unter Mithilfe des Personals in Dateien eingetragen und mit Uhrzeit, Namenskürzel und besonderen Bemerkungen versehen, wodurch gigantische Datenfriedhöfe entstehen.

Das "Zeitbudget" für einen Patienten beträgt durchschnittlich 26,5 Minuten am Tag. Die Geschäftsführerin des Landesverbandes Bayern des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK), Marliese Biederbeck, hierzu: "Freundliche Worte, Höflichkeit und Zuwendung werden auf diese Weise der Stechuhr geopfert." Viele Vertreter dieses Verbandes halten 40 Prozent der Dokumentation für überflüssig und wollen in erster Linie gut pflegen und nicht gut dokumentieren.

2006 hat der Bundesgeschäftsführer des Sozialverbandes Volkssolidarität mitgeteilt, dass in Deutschland 384 000 Menschen in Pflege nicht ausreichend Nahrung erhalten, 440 000 Senioren wegen Wundliegens und 212 000 wegen Inkontinenz nicht ausreichend versogt werden.

Bereits 2001 äußerte der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte CESCR "große Besorgnis über die menschenunwürdigen Zustände in Pflegeheimen" und forderte Sofortmaßnahmen.

In den meisten Pflegeheimen werden 5 bis 10 Prozent aller Heimbewohner mit Gurten im Bett festgebunden oder schwere Tische vor ihre Stühle gestellt.

Der Stuttgarter Geriater Clemens Becker hierzu: "Wir wollen die Menschen entfesseln, in 99 Prozent der Fälle ist eine Fixierung nicht zu rechtfertigen ... Diese bewegungseinschränkenden Maßnahmen gehören zu den schwersten Eingriffen in die Menschenrechte", klagt Becker.

Welche Auswirkungen hat die kapitalistische Grundgleichung mit ihrer Ökonomisierungs- und Beschleunigungstendenz in den Schulen im Umgang mit der heranwachsenden Generation? Derzeit verlassen jedes Jahr zwischen acht und neun Prozent aller Schüler die allgemeinbildende Schule ohne Abschluss, an den Berufsschulen sind es erheblich mehr. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft muss die deutsche Volkswirtschaft für Sitzenbleiben, Nachholen von Schulabschlüssen und berufsvorbereitende Kurse nach der Pflichtschulzeit jährlich 7,2 Milliarden Euro aufbringen. In diesem Zusammenhang verweist

das Institut der deutschen Wirtschaft auf die Pisa-Studie, wonach gut jeder fünfte 15-Jährige als "Risikoschüler" eingestuft wird. Im Jahr 2006 fanden fast 200 000 Jugendliche nach einer Information der Bundesagentur für Arbeit keinen Ausbildungsplatz. Bislang bleiben elf Prozent der deutschen und 38 Prozent der ausländischen Jugendlichen ohne Berufsabschluss und damit ohne Zukunft. Die Tendenz ist steigend. Wegen Lehrermangels fallen viele Unterrichtsstunden aus, was beispielsweise vom hessischen Kultusministerium dadurch begriffskosmetisch verschleiert wird, dass Betreuungsstunden, die von nicht ausgebildeten Lehrern gehalten werden, einfach als Unterrichtsstunden umdefiniert werden.

Wie wirkt sich die kapitalistische Grundgleichung "Zeit = Geld" in sozialpädagogischen und sozialtherapeutischen Feldern im Umgang mit hilfesuchenden und hilfsbedürftigen Menschen aus? Was geschieht unter dem Diktat dieser Gleichung, die aus einmaligen Menschen quantifizierbare Kosten-Nutzen-Faktoren und Kunden macht, die als Kopf- und Fallpauschalen bilanziert werden, mit der Würde der Helfer und mit der Würde der Menschen, denen geholfen werden soll?

Welche Auswirkungen haben die Veränderungen der Arbeitswelt unter dem Druck des Global-Kapitalismus mit seiner unersättlichen und grenzenlosen Gier nach Kapitalakkumulation auf die Beziehungen zwischen den Menschen außerhalb dieser Arbeitswelt, der Arbeitenden zu ihren Partnern bzw. Partnerinnen, ihren Kindern: also z.B. auf die Familien oder familienähnlichen Gemeinschaften bzw. auf die Bereitschaft von Paaren, sich überhaupt auf das Abenteuer der Familiengründung einzulassen? Beißt sich der Kapitalismus vielleicht schon längst in den eigenen Schwanz, weil er schamlose Rücksichtslosigkeit erzeugt und mit seiner Reduktion der Menschen auf "Produktionsfaktoren" und "Verbraucherpotenzial" systematisch Vertrauen, Verlässlichkeit und Zärtlichkeit zerstört, ohne die eine Gesellschaft längerfristig sich selbst zugrunde richtet?

Zur national-egoistischen Befürchtung, die Deutschen könnten demnächst aussterben, weil es seit 1990 stets mehr Sterbefälle als Geburten gegeben hat, möchte ich weitere Fragen stellen:

Wo sind die Arbeitsplätze, mit deren Hilfe Millionen Ungeborene das Geld für ihre und unsere Renten verdienen könnten, wenn aufgrund der Logik des globalen Kapitalismus Börsenattraktivität und Gewinnmaximierung nicht zuletzt durch massenhaften Abbau von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen hierzulande erzeugt werden - und es bisher noch nicht einmal gelungen ist, für die ca. 4 Millionen registrierten arbeitslosen Menschen und die ca. 3 Millionen Geringverdienenden genügend Arbeitsplätze zu schaffen, um ihnen jenseits der Armutsgrenze ein Leben in Würde zu ermöglichen? Von den Mitmenschen ganz zu schweigen, die bereits durch die Maschen des gesellschaftlichen Netzes gefallen sind und von keiner Statistik mehr erfasst werden, weil sie beispielsweise als Obdachlose um ihr Überleben kämpfen.

Wie ist es um die Würde von Kindern bestellt, wenn sie in der öffentlichen Diskussion vor allem als Mittel zum Zweck der Lösung von Rentenproblemen wahrgenommen werden - und nicht, wie es das Grundgesetz indirekt für alle Menschen verlangt, als Selbstzweck?

Ist der Geburtenrückgang für diese Gesellschaft und Volkswirtschaft womöglich ein Segen, denn wenn die potentiellen Eltern Angst vor Verlust ihres Arbeitsplatzes haben und die potentiellen Kinder keine Aussicht auf einen Ausbildungs- bzw. einträglichen Arbeitsplatz haben, sind sie dann nicht ökonomisch gesehen nur eine zusätzliche Belastung für die Sozialsysteme?

Ist also der Verzicht junger Paare auf Elternschaft angesichts tiefgreifender Verunsicherungen und Widersprüche vielleicht ein sehr rationales Verhalten - und alles andere als bloßer Egoismus, den es sicher auch gibt?

Im übrigen ist eines der Hauptprobleme der Menschheit wohl nicht die zu geringe, sondern eher die zu große Zahl von Erdenbürgern. Laut der jüngsten Hochrechnung der Vereinten Nationen wächst die Weltbevölkerung um 2,4 Menschenleben in der Sekunde, was 144 zusätzliche Erdenbürger in der Minute oder 207 360 am Tag ergibt. Ein Ende der Bevölkerungsexplosion sehen die UN-Demographen erst für die Mitte des 21. Jahrhunderts voraus. Wie die Erde dem Ansturm künftiger Generationen standhalten wird, hängt laut UN maßgeblich von den beiden Bevölkerungsriesen China und Indien ab. Sollten sich diese beiden mit ihren jetzt schon 2,4 Milliarden Einwohnern eines Tages nur annähernd den Traum vom Lebensstandard à la USA erfüllen, wäre eine globale Klimakatastrophe aus bekannten Gründen nicht mehr aufzuhalten, so die Warnung der UN. Bei der Vorstellung des Umweltberichts der chinesischen Regierung 2006 bezifferte der Vizechef des staatlichen Umweltamtes, Zhu Guangyao, die jährlichen Kosten der ökologischen Zerstörung in China auf 200 Milliarden US-Dollar. Diese Kosten sind bereits so hoch wie das Wirtschaftswachstum. Sie demonstrieren die ökologische Unverträglichkeit des Wachstums von 9 bis 10 Prozent im bevölkerungsreichsten Landes der Erde und sind ein eindrucksvolles Beispiel für ein ökonomisches Null-Summen-Spiel, bei dem der volkswirtschaftliche Gewinn durch den ökologischen Verlust aufgehoben wird - von den medizinischen und sozialpsychologischen Folgen dieser Art von Ökonomie ganz zu schweigen, die bereits jetzt mehr als 60 Prozent der Flüsse und Seen so verdreckt hat, dass man das Wasser nicht mehr trinken kann. Die Hälfte der chinesischen Großstädte kann ihren Bewohnern kein sauberes Trinkwasser anbieten. Krebserkrankungen und Leukämie haben in bestimmten Regionen dramatisch zugenommen. Im Jahr 2005 stieß China nach Angaben des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW neun Prozent mehr Kohlendioxid aus als zuvor und nach einer Studie namens Cept (China Energy Program Technology), die Forscher aus der Schweiz, China, Japan und den USA im Jahr 2006 vorgelegt haben, verheizt China mehr Kohle als die USA, Europa und Japan zusammen, was zu einem erheblichen Ausstoß altbekannter Schadstoffe wie Schwefel, Stickoxiden, Ruß und Feinstaub führt.

Kommt es nicht sehr bald weltweit zu einer Verringerung des CO2-Ausstoßes und der Emission von Methan, wird es in China aufgrund des Anstiegs der Ozeane in ca. 50 Jahren 250 Millionen Flüchtlinge geben. Indien wird für 150 Millionen Menschen bewohnbares Land verlieren, und der größte Teil der amerikanischen Ostküsten-Städte Boston, New York, Philadelphia sowie der gesamte Staat Florida werden unter Wasser stehen, während die weltweiten Trinkwasservorräte immer knapper werden.

Stimmt das, was ein Autor der New York Times vor einiger Zeit für die amerikanischen Verhältnisse beschrieb, inzwischen auch für Deutschland?

"Die Sorge um den Arbeitsplatz ist überall eingedrungen, löst das Selbstwertgefühl auf, zerrüttet Familien, zersetzt Gemeinschaften und verändert die Atmosphäre am Arbeitsplatz".

In den neuen Bundesländern befürchteten im Jahr 2006 trotz des Aufschwung-Geredes in Politik und Medien, das möglicherweise schon bald wieder verstummen wird, 67 Prozent den Verlust ihres Arbeitsplatzes, in den alten Ländern 47 Prozent. 82 Prozent aller jungen Erwachsenen machen sich laut Statistischem Bundesamt Sorgen um die eigene ökonomische Zukunft.

Nach einer systemübergreifenden sozialwissenschaftlichen Langzeit-Studie des Teams von Professor Elmar Brähler am Institut für Medizinische Psychologie und Soziologie der Universität Leipzig führen sowohl die Angst um die Bedrohung des Arbeitsplatzes als auch dessen Verlust zu einer schweren seelischen Beeinträchtigung der Lebensqualität und zu schwerwiegenden Gesundheitsfolgen auf psychischer und psychosomatischer Ebene. Angst und Depressionen, die nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation zur Volkskrankheit

Nummer eins geworden sind, gehen häufig einher mit erhöhtem Alkohol- und Nikotinkonsum, Herzkreislauferkrankungen und einer Vielzahl von körperlichen Beschwerden. Die Betroffenen klagen darüber hinaus nicht selten über Statusverlust und eine Verschlechterung der familiären Beziehungen. Arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen zeigen ein deutlich höheres "Distressniveau" als ihre Mitmenschen, die einer festen Beschäftigung nachgehen, die sie nicht als gefährdet sahen. Inzwischen ist die Zahl psychosomatischer Erkrankungen in der Bundesrepublik so hoch, dass sie sozialpolitisch von immer größerer Bedeutung ist. Nach Angaben des Berufsverbandes der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (BPM) erkranken jedes Jahr bis zu 14,5 Prozent der Bevölkerung an psychischen und psychosomatischen Leiden.

Ein Kongress im Jahr 2006 in Kalifornien, an dem Soziologen, Ökonomen und Philosophen teilnahmen, kam zu der Erkenntnis, dass künftig in den entwickelten Gesellschaften der Erde nur noch jeder fünfte Erwachsene Arbeit finden wird. Was werden die übrigen tun?

Mit diesem Thema hängt ein anderes zusammen.

Adam Smith, der Klassiker der Ökonomie, hat einmal geschrieben:

"Wenn die öffentliche Schuld eine bestimmte Höhe überschritten hat, so gibt es, glaube ich, kein einziges Beispiel, wo es je gelungen wäre, sie auf gerechte Weise und vollständig zurückzuzahlen. Sofern es überhaupt gelang, die Staatsfinanzen wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen, bediente man sich des Bankrotts ...und selbst dort, wo häufig nominal Rückzahlungen geleistet wurden, blieb es in Wirklichkeit ein echter Bankrott."

In Deutschland sind Bund, Länder und Gemeinden mit ca. 1500 Milliarden Euro verschuldet. Hinzu kommen die künftigen Verpflichtungen aus den sozialen Sicherungssystemen, für die Vorsorge getroffen werden muss. Nach Berechnungen des Freiburger Finanzwissenschaftlers und Vorstandsmitglieds der Stiftung Marktwirtschaft, Bernd Raffelhüschen, beträgt die so genannte Nachhaltigkeitslücke etwa 7,1 Billionen Euro, was mehr als 323 Prozent des derzeitigen Bruttoinlandsozialprodukts entspricht. Ein Geschäftsführer einer Privatfirma, der eine Verschuldung dieses Ausmaßes zu verantworten hätte, ohne für die vorhersehbaren zukünftigen Belastungen entsprechende Rückstellungen zu bilden, säße wahrscheinlich schon längst im Gefängnis.

Hat jemand in diesem Hohen Hause eine oder mehrere Ideen, wie dieser gigantische Schuldenberg jemals wieder abgetragen und die Versprechen an heutige und kommende Generationen gehalten werden können? Hat jemand von Ihnen eine Idee, wie die Verschwendung von ca. 5 Prozent der öffentlichen Ausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden in Zukunft verhindert werden kann? Nach Schätzungen des Bundes der Steuerzahler hat die öffentliche Hand im Jahr 2005 mehr als 30 Milliarden Euro durch Fehlplanungen, bürokratische Kapriolen und teure Anschaffungen vergeudet.

Und wie steht es um den politischen Bankrott? Das Vertrauen der Bürger hat abgenommen, das staatsbürgerliche Bewusstsein schwindet immer weiter, Parteien und Regierungen haben ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt - und zu Recht hat ein CDU-Politiker bereits von der "Lebenslüge" innerhalb seiner Partei gesprochen, dass "Steuersenkungen zu mehr Investitionen und Arbeitsplätzen führen."

Von den Lebenslügen der Sozialdemokraten gar nicht zu reden. Waren nicht sie es, die am 4. August 1914 im Reichstag den Kriegskrediten zustimmten und so den Weg für den Ersten Weltkrieg freimachten, in dem Millionen von Arbeitern ihr Leben verloren, die ins Boot von Kaiser Wilhelm II. gesetzt worden waren?

Wann hat die Sozialdemokratie in ihrer Geschichte substantiell die Interessen der arbeitenden Menschen vertreten? Es ist wenigstens ein Zeichen von zaghafter Selbsterkenntnis, wenn ein SPD-Politiker im Oktober 2006 die Hartz IV-Politik als "Lebenslüge" bezeichnet hat, durch die den Menschen vorgegaukelt worden sei, dass mit Fordern und Fördern jeder den ersten Arbeitsmarkt erreichen könne, und wenn ein SPD-Vorstandsmitglied Armut und soziale Ausgrenzung als das Ergebnis der Politik des ehemaligen SPD-Bundeskanzlers bezeichnet hat. Einer der Gründungsväter der Sozialdemokratie, Ferdinand Lassalle, muss um das Niveau der SPD angesichts ihrer Streitereien um den Begriff der sozialen Unterschicht gewusst haben, als er einst formulierte: "Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist."

Wann haben die Unionsparteien, die sich mit dem C in ihren Namen auf Christliches berufen, in ihrer Geschichte jemals im Geiste des Neuen Testaments gehandelt, dessen Kern wahrscheinlich die Bergpredigt ist?

Es ist schon mehr als dreist, wenn CDU und SPD angesichts der Rekordgewinne der Unternehmen allen Warnrufen von Wirtschaftsexperten und Sozialethikern zum Trotz die Arbeitnehmer mit der Debatte um den Investivlohn, der laut Bernd Rürup praktisch ohnehin nur bei Aktiengesellschaften geht, in die Falle des kapitalistischen Falschspiels locken und ihnen ungeahnte Risiken aufbürden wollen.

Vielleicht haben die sog. Volksparteien auch bloß ein schlechtes Gewissen (falls Parteien überhaupt ein Gewissen haben können) angesichts der Tatsache, dass die Unternehmensgewinne zwischen 1991 und 2005 mit 58 Prozent fast doppelt so schnell wie die Löhne gestiegen sind, die lediglich 33,3 Prozent erreichten.

Nach einer Umfrage des Forsa-Instituts aus dem Jahr 2006 glauben nur zehn Prozent der Deutschen den Wahlversprechen von Politikern. Laut ARD äußerten sich 2006 ein Jahr nach der Bundestagswahl 67 Prozent der SPD-Wähler und 51 Prozent der Unions-Wähler von ihrer Partei enttäuscht. Die Frage, ob sie sich wieder für diese Partei entscheiden würden, verneinten 33 Prozent der SPD- und 22 Prozent der Unions-Wähler.

Von Dezember 2000 bis August 2006 verlor die CDU 8,4 Prozent ihrer Mitglieder, das sind 51.643 Menschen, die SPD büßte in diesem Zeitraum 160.868 Mitglieder ein, das sind 21,9 Prozent. Seit der Wiedervereinigung verlor die SPD 40 Prozent ihrer Mitglieder, die CDU 25 Prozent. Diese Massenflucht aus den beiden großen Parteien konnte nicht annähernd durch Neueintritte kompensiert werden.

Obwohl Politik vom Auftrag des Grundgesetzes her kein Geschäft oder die Fortsetzung des Verteilungskampfs mit anderen Mitteln sein darf, gilt auch für sie die alte Kaufmannsweisheit: "Vertrauen verloren, alles verloren."

Den Mitgliedern von CDU/CSU und SPD müsste es eigentlich den Schlaf rauben, wenn die Wochenzeitung DIE ZEIT die Politik der Großen Koalition als Mogelpackung bezeichnet und Bert Rürup, der Vorsitzende des Sachverständigenrats, angesichts des Chaos bei der Gesundheitsreform sagt: "Der Bürger hat den Eindruck: Ich kann mich auf nichts mehr verlassen." Es ist für den Zustand eines Landes fatal, wenn die Menschen die Erfahrung machen müssen, dass nicht nur Verantwortungsträger der Wirtschaft, sondern auch des Staates falsch spielen. Eine Folge dieser Falschspielerei ist u.a., dass laut Datenreport des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2005 nur noch 71 Prozent der Westdeutschen und 38 Prozent der Ostdeutschen glauben, dass die Demokratie die beste Staatsform sei. Im Jahr 2000 sprachen sich noch 80 Prozent im Westen und 49 Prozent im Osten für die Demokratie aus.

In diesem Zusammenhang ist das Ergebnis einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung keine Überraschung, dass 39 Prozent der Menschen Deutschland durch Ausländer gefährlich überfremdet sehen, 18 Prozent "den Juden" einen zu großen Einfluss vorwerfen, 26 Prozent eine einzige starke Partei in Deutschland wollen und mehr als 15 Prozent einen Führer. Der Rechtsextremismus ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und vielfach bei

erwachsenen CDU- und SPD-Wählern anzutreffen. 67 Prozent sind der Überzeugung, dass keine Partei mit den Problemen des Landes fertig wird.

Reallöhne und Renten sind gesunken oder stagnieren, viele Straßen, Schulen und Universitäten sind zum Teil in marodem Zustand. Wir befinden uns bereits mitten in einer neuen Bildungskatastrophe. Viele junge Akademiker, die intensiv und erfolgreich studiert haben, fühlen sich ihrer Perspektive beraubt und werden nicht selten von Praktikum zu Praktikum gereicht. Selbst die sog. Eliten werden von materieller Unsicherheit und Zukunftsangst erfasst. Ärzte fühlen sich ausgebeutet wie Proletarier. Immer mehr Menschen fühlen sich ungerecht behandelt. Die Ungleichheit in diesem Land nimmt zu. Der Politikwissenschaftler Professor Franz Walter dazu: "Die oberen zwei Prozent der Haushalte verfügen über 30 Prozent des Gesamtvermögens; die unteren 50 Prozent müssen sich mit knapp fünf Prozent begnügen."

Im Jahr 2002 war das Einkommen der vier Vorstände der Deutschen Bank sechs mal so hoch wie die Gehälter aller Mitglieder der Bundesregierung, und die 13 Vorstandsmitglieder der Daimler-Chrysler Aktiengesellschaft erhielten während des gleichen Jahres so viel wie die sämtlichen 603 Bundestagsabgeordneten zusammen. 2006 wurden die Vorstandsgehälter bei Siemens um 30 Prozent von 2,49 Millionen Euro Jahresgehalt auf 3,24 Millionen angehoben, während gleichzeitig tausende von Stellen gestrichen wurden. Siemens rückte damit vom zehnten Platz unter den bestbezahlten Vorständen deutscher Aktiengesellschaften auf den siebten vor.

Im Schnitt stiegen die Vorstandsgehälter aller 30 DAX-Unternehmen im Jahr 2005 um elf Prozent.

Marx, gemeint ist Reinhard Marx, der katholische Bischof von Trier, hat es auf den Punkt gebracht, als er sagte:

"Wenn die Verantwortlichen der Wirtschaft nicht mehr das Gemeinwohl im Blick haben, sondern die Kapitalrendite, wird das System inakzeptabel."

Und wer wird dem ehemaligen Bundesminister Heiner Geißler widersprechen, der 2006 in einem Interview gesagt hat:

"Das jetzige kapitalistische Wirtschaftssystem geht über Leichen und muss abgelöst werden durch eine internationale sozial-ökologische Marktwirtschaft, durch die wieder Ordnung in den wirtschaftlichen Wettbewerb und in die Kapitalmärkte gebracht wird."

Der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm ist der gleichen Auffassung, wenn er den neoliberalen Kapitalismus für eine vorübergehende historische Episode hält und als "pubertären Pendelschlag gegen die kollektivistische Zwangsbeglückung" des untergegangenen Sozialismus bezeichnet.

Weltweit verfügen heute ca. 500 Personen zusammen über größeres Kapital als 3 Milliarden im Rest der Menschheit: 3 Milliarden Menschen, das ist ungefähr die Hälfte der heutigen Menschheit. Nach einer Information des amerikanischen Wirtschaftsmagazins "Forbes" aus dem Jahr 2006 ist das Vermögen der 400 reichsten Amerikaner innerhalb eines Jahres um rund 120 Milliarden auf 1,25 Billionen Dollar, das sind umgerechnet 980 Milliarden Euro, gestiegen.

Die Frage von Augustinus aus dem frühen 5. Jahrhundert ist aktueller denn je:

"Was anderes sind Reiche - wenn ihnen die Gerechtigkeit fehlt - als große Räuberbanden?"

Angesichts der Zustände auf der Welt und in Deutschland bin ich dankbar, dass ich in dieser Übergangszeit trotz der Einstellung des Mannesmann-Prozesses und einiger anderer schwer nachvollziehbarer gerichtlicher Entscheidungen in einem relativ intakten Rechtsstaat lebe, dessen oberstes Gericht der Bundesregierung bisher keine Menschenrechtsverletzungen nachgewiesen hat - im Unterschied zu den USA. Zwar ist Deutschland noch keine intakte Republik, und seine Regierung ist inzwischen zu einer Art Insolvenzverwaltung ohne überzeugende politische Gestaltungskraft geworden.

Die Menschen in diesem Land haben aber im Sommer des Jahres 2006 gezeigt, zu welcher Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Spontaneität sie fähig sind, wenn sich was dreht. Offensichtlich vermochte das Fußballspiel unter günstigen Bedingungen etwas, wozu die Religionen nicht fähig sind: Menschen vieler Länder, Kulturen und Hautfarben friedlich und fröhlich zu vereinen. Die trübe Glasglocke kollektiver Ängste, sozialer Desintegration, Depression und Orientierungslosigkeit zerbrach für kurze Zeit und müsste nicht das vorherrschende Klima in Deutschland sein.

Und solange ein Kabarettist wie z.B. Mathias Richling im öffentlich rechtlichen Fernsehen auftreten kann, besteht Hoffnung für dieses Land.

Außerdem hat Deutschland in seinem Grundgesetz seit 1949 einen juristisch verbindlichen und philosophisch vernünftigen Leitfaden zur Orientierung und zur Gestaltung des sozialen Lebens auch in schwierigen historischen Phasen:

Abs. 2: Männer und Frauen sind gleichberechtigt ...

(In Deutschland liegt nach einer Ermittlung der Bundesregierung das Einkommen der Frauen bei 77 Prozent des männlichen Bruttoverdienstes, womit dieses Land diesbezüglich das Schlusslicht in Europa ist. Was gedenkt die Bundesregierung gegen diesen permanenten Grundgesetzverstoß zu tun?)

In diesem Land würde es wahrscheinlich einen dauerhaften Aufschwung auf der ganzen Linie geben, wenn der folgende politische Imperativ das Handeln der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft bestimmte:

Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit im Einklang mit dem Grundgesetz steht und dazu beiträgt, die Kluft zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und Grundgesetzlicher Idee vom Menschen zu verringern.

Das Grundgesetz ist ein objektiver Maßstab, die Idee, die unsere Gesellschaft von sich selbst und vom Menschen hat, und die identisch ist mit der Idee, welche die Menschheit von sich hat. Der erste Satz in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte,

verkündet von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948, lautet:

"Da die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet,...verkündet die Generalversammlung die vorliegende Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal ,...".

Grundgesetz und Menschenrechtserklärung definieren nicht direkt, was unter der Würde des Menschen zu verstehen und wie diese zu begründen ist.

Allerdings geben nicht nur die GG-Artikel 2 und 3 Hinweise für eine Interpretation, weitere Hinweise erhält man durch Urteile des Bundesverfassungsgerichts und vor allem durch die Präambel des Grundgesetzes, in welcher der Satz steht:

"Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen...hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben."

Mit ihrer Formulierung "Verantwortung vor Gott und den Menschen" haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes aus guten Gründen auf etwas Absolutes Bezug genommen, das menschlicher Verfügbarkeit, Manipulierbarkeit und Kontrolle enthoben ist.

Wie kann man dies für eine Gesellschaft auslegen, in der Menschen leben, die sich z.B. als Atheisten, zynische, illusionäre oder aufrichtige Nihilisten, Materialisten im kapitalistischen oder philosophischen Sinne, als Sozialisten, Hinduisten, Buddhisten, Taoisten , Juden, Christen dieser oder jener Konfession, Muslime dieser oder jener Richtung oder wer weiß sonst noch wie verstehen, und in der sich der laizistische Staat aus guten historischen und systematischen Gründen zu weltanschaulicher und religiöser Neutralität verpflichtet hat. Allerdings hat er sich nicht zur ethischen und erkenntnistheoretischen Indifferenz verpflichtet: Davon zeugen in der Rechtsprechung und innerhalb der Jurisprudenz u.a. die Spannung zwischen Naturrecht und positivem Recht und in Strafprozessen das Bemühen um Wahrheitsfindung.

Wie es einer philosophischen Perspektive angemessen ist, möchte ich weitere Fragen stellen und skizzenhafte Anmerkungen machen.

Kann der Begriff der Würde inhaltlich so bestimmt und begründet werden, dass er die Menschen in einer pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft zu überzeugen und ihr Herz und Hirn zu leiten vermag?

Ein christlicher Theologe konnte so reden, wie es im 20. Jahrhundert z.B. Karl Barth einmal getan hat:

"Würde nennen wir den fallenden Abglanz der Ehre Gottes auf den Menschen."

Aus philosophischer Perspektive wird man hier skeptisch bleiben. Schließlich wurde unter Verwendung der vier Buchstaben "G" "o" "t" "t" bzw. der drei amerikanischen Buchstaben "G" "o" "d" oder der fünf Buchstaben "A" "l" "l" "a" "h" Entsetzliches angerichtet und gerechtfertigt - und wird es immer noch. Und was versteht der Theologe unter der "Ehre Gottes"?

Ein anderer christlicher Theologe, dessen Kirchenaustritt wohl eine naheliegende Konsequenz seines tiefenpsychologischen und theologischen Denkens war, ist hier vorsichtiger gewesen. Eugen Drewermann hat einmal formuliert:

"Man kann die Würde, die Größe, die unendliche Kraft der Freiheit eines jeden Menschen an unserer Seite nicht mehr verleugnen und nicht mehr schänden, wenn es die Ewigkeit gibt. Niemand ist dann mehr befugt, sich hinzustellen und zu sagen: meine Frau, mein Kind, mein Hund, mein Baum, mein Auto, mein alles. Nichts gehört im Schatten der Ewigkeit letztlich uns selber, sondern wir alle miteinander gehören einzig zu Gott ..."

Wenn das Wörtchen "wenn" nicht wäre! Es ist vernünftig, dass der Theologe dieses kleine Wort genau an dieser Stelle verwendet hat. Er sagt nicht: "weil" es die Ewigkeit gibt und vermeidet die Gefahr dogmatischer Pseudogewissheit und theologischer Geschlossenheit, die in der Geschichte auch der christlichen Religion unermessliches Leid über die Menschen gebracht haben - wie z.B. die Religionskriege in Europa und zuvor die Kreuzzüge, zu deren erstem gegen den Islam Papst Urban II. im Jahr 1095 aufgerufen hatte.

Die philosophische Perspektive erlaubt es, an dieser Stelle weiterzufragen. Schon vor einigen Jahrzehnten hat Arthur Koestler diagnostiziert, dass sich die Bezugssysteme "Mensch-Gesellschaft' bzw. "Mensch-Tradition' als unzulänglich erweisen, um seelische Formveränderungen zu ermöglichen, die sich auf das Zusammenleben der Menschen und das Zusammenwachsen der Menschheit fördernd auswirken. Er hat in diesem Zusammenhang gefordert:

"...,das Bezugssystem Mensch-Universum muss wiederhergestellt werden."

Viele Menschen in unserer Zeit wollen wissen, welche Stellung sie in diesem gigantischen Universum einnehmen, innerhalb dessen die Erde, auf der wir leben, einer von 8 Planeten und 3 Zwergplaneten ist, die um einen Stern kreisen. Die kosmologische Perspektive, die durch Astronomie, Physik und Naturphilosophie ermöglicht wird, besitzt eine große Tragweite und ein bedeutendes Gewicht für jene philosophischen Fragestellungen, welche die denkenden Menschen in unserer abendländischen Tradition seit der Zeit der Vorsokratiker bewegt haben. Aristoteles lässt Anaxagoras auf die existenzielle Frage, warum er das Geborensein dem Nichtgeborensein vorziehe, antworten:

"Weil ich den Himmel, die Sterne, den Mond und die Sonne und die ganze Ordnung im Weltall betrachten kann."

Aus kosmologischer Perspektive sind alle Menschen dieser Erde, die bereits verstorbenen und die heute und morgen lebenden, unabhängig davon, in welchen Traditionen und Kulturen auch immer sie gelebt haben oder leben und leben werden, Geschöpfe eines wahrscheinlich einzigartigen, auf jeden Fall aber genialen intelligenten Prozesses, in dem sich interstellare Materie aus anorganischen Strukturen zu immer komplexeren lebendigen Strukturen bis hin zum menschlichen Selbst-Bewusstsein organisiert hat.

Hierzu hat Max Scheler einmal gefragt: "Ist das nicht, als gäbe es eine Stufenleiter, auf der ein urseiendes Sein sich im Aufbau der Welt immer mehr auf sich selbst zurückbeugt, um auf immer höheren Stufen und in immer neuen Dimensionen sich seiner inne zu werden - um schließlich im Menschen sich selbst ganz zu haben und zu erfassen?"

Dieser Prozess, der wahrscheinlich vor 15 bis 20 Milliarden von Jahren begann und noch lange nicht abgeschlossen ist, enthält die Möglichkeit, dass die Erde zur Heimat für alle Menschen werden kann, wenn die unseren Planeten bedrohenden hausgemachten Zerstörungsprozesse verlangsamt und schließlich beendet werden. Im Schauspiel des Lebens sind wir gleichzeitig "Zuschauer und Mitspielende", wie Nils Bohr einmal gesagt hat. Wir könnten auf dieser Erde so spielen, dass es keine Verlierer mehr gibt. Die Weisheit des

Lebens zeigt sich u.a. darin, dass auch das letzte Hemd von Ackermännern und Kleinfeld-Geistern keine Taschen hat - und man sich vom Tod nicht freikaufen kann.

Rainer Maria Rilke

"Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen,

Lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen

Wagt er zu weinen

Mitten in uns."

Indizien aus der Physik, der Kerndisziplin der modernen Naturwissenschaften, sprechen dafür, dass der Tod des Individuums keine Vernichtung, sondern eine Verwandlung ist, wie z.B. Thermodynamik, spezielle Relativitätstheorie und Quantentheorie nahe legen.

Traditionen und religiöse Glaubensüberzeugungen der Menschen sind im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Entwicklung der Menschheit ambivalent. In 43 Prozent aller Bürgerkriege seit 2000 war radikal religiöse Politik einer der Auslöser, von früheren Beispielen für den Zusammenhang von organisierter, monotheistischer Religion und Gewalt nach dem Motto "Willst du nicht mein Glaubensbruder oder meine Glaubensschwester sein, schlag ich dir den Schädel ein" ganz zu schweigen: eine Militanz und Brutalität, die auch im Koran zurückgewiesen werden, dessen Sure 22, Vers 40 formuliert: "Erlaubnis (zum Dschihad) ist denen gegeben, die bekämpft werden." Kein Koran-Vers erlaubt einen Dschihad, der nur zum Zweck der Verteidigung legitimiert wird, als Mittel zur Zwangsbekehrung oder zur Erlangung weltlicher Macht.

Gibt es unabhängig von religiösen Traditionen Hinweise für einen erfahrbaren Zusammenhang von Zeit und Ewigkeit, von Endlichkeit und Unendlichkeit, von Relativem und Absolutem?

Es ist heute in systematischer Hinsicht möglich und notwendig, den Begriff der "Würde" inhaltlich zu bestimmen und zu begründen, ohne auf eine bestimmte religiöse Tradition Bezug zu nehmen. Notwendig ist dies schon deshalb, weil die Welt weder hinduistisch noch taoistisch, weder konfuzianisch noch jüdisch, weder katholisch noch evangelisch, weder schiitisch noch sunnitisch und auch nicht esoterisch werden kann, was immer das sein mag.

Alle Religionen sind gescheitert in ihren Versuchen, ihre Gläubigen so zu verändern, wie es ihre ethisch moralischen praktischen Normen verlangen - mit Ausnahme des Buddhismus vielleicht, der unter einer bestimmten Hinsicht aber wahrscheinlich gar keine Religion ist, weil er ohne Gottesbild auskommt und in seiner zen-buddhistischen Variante fordert: "Wenn dir Buddha begegnet, töte ihn!".

Am 11. September 1893 wurde in Chicago das "Erste Parlament der Weltreligionen" eröffnet.

Das ehrgeizigste von zehn Zielen, zu denen sich damals alle Teilnehmer verpflichtet hatten, lautet: "Die Nationen der Erde zu einer freundlicheren Gemeinschaft zu bringen - in der Hoffnung, dauerhaften internationalen Frieden zu sichern." 100 Jahre später tagte erneut in Chikago das "Zweite Weltparlament der Religionen", das selbstkritisch diagnostizierte: "Die Welt liegt in Agonie, der Friede entzieht sich uns, der Planet wird zerstört, Nachbarn leben in Angst, Frauen und Männer sind entfremdet voneinander ...".

Der in diesem Zusammenhang von Hans Küng im "Projekt Weltethos" geforderte Religionsfrieden als Voraussetzung des Weltfriedens ist noch nicht in Sicht. Da es bis heute nicht einmal innerhalb der einzelnen Religionen gelungen ist, wirklich gleichberechtigt und friedlich ohne Überlegenheits- oder Machtanspruch miteinander zu kooperieren, was man derzeit nicht nur im Irak sehen kann, da ihre Wortführer und Repräsentanten bisher das Absolute nicht glaubhaft oder nur sehr bedingt glaubhaft vermitteln konnten, da es zu jedem eindrucksvollen Gottesbeweis in der Geschichte z.B. der christlichen Theologie eine eindrucksvolle Widerlegung gibt, stünde es den Repräsentanten und Schriftgelehrten aller Religionen gut an, in selbstkritischer und bescheidener Haltung durch ihre eigene Dialog fördernde Lebenspraxis zu überzeugen, wofür der XIV. Dalai Lama ein Beispiel ist. Es ist längst an der Zeit, dass sie auf missverständliche Worte und patriachal-mediale Inszenierungen verzichten, welche die Gräben zwischen den Religionen eher vertiefen und substantielle Dialoge mit erkennbaren Konsequenzen zwischen gleichberechtigten Gesprächsteilnehmern verhindern.

Albert Einstein hat bereits 1947 hierzu das Not-wendige gesagt:

"Wenn die Bekenner der gegenwärtigen Religionen sich ernstlich bemühen würden, im Geiste der Begründer dieser Religionen zu denken, zu urteilen und zu handeln, dann würde keine auf den Glauben gegründete Feindschaft zwischen den Bekennern verschiedener Religionen existieren. Noch mehr, sogar die Gegensätze im Glauben würden sich als unwesentlich herausstellen."

In der wechselseitigen Erhellung von philosophischer Reflexion und meditativer Haltung eröffnet sich dem Denken ein Horizont, ohne Rekurs auf göttliche Gebote einer organisierten Religion, die ja immer durch Menschen einer bestimmten Tradition sprachlich vermittelt wurden, zum angesprochenen Thema über das bisher bereits Bekannte hinaus noch etwas zu sagen. Dieses Denken verzichtet aus religiösen Gründen auf organisierte Religion. Es vermutet, dass Überlieferung, Gewohnheit, Sicherheitsbedürfnis, Vorurteil, Nachahmungstrieb, Lebensangst oder auch Herzensträgheit die Menschen veranlassen, sich mit einer Religionsgemeinschaft, Kirche oder Sekte zu identifizieren. Wer sich auf diese Weise geistig bindet, will sich fremde Erfahrung zunutze machen und verschenkt möglicherweise die Chance, ein unverwechselbares, freies Individuum zu werden. Die hier skizzierte philosophische Perspektive ist anthropologisch, kosmologisch und religiös.

Sie entspricht dem, was die Vorstellungswelt der großen Religionsentwürfe der Menschheit durchzieht. Dies sind Szenen des Alleinseins:

Der an den Felsen gekettete Prometheus, Buddhas Meditationen, der Mann am Kreuz, Mohammeds Grübeln in der Wüste. Zur Tiefe des religiösen Geistes gehört, sich selbst von Gott verlassen gefühlt zu haben.

Am Ende dieser Skizze ist für den Philosophen das Schweigen die angemessene Weise des Sagens - und das letzte Wort hat der dichtende Sänger.

Zunächst zeichne ich einige Linien vor dem Hintergrund der anthropologischen Reflexion, die seit Jahrhunderten verbietet, das Bild des Menschen auf ein Rädchen im ökonomischen Getriebe herunter zu stutzen.

Von alters her wird in diesem Zusammenhang das "Zwischen" des Menschen betont:

Mit diesem Zwischen-Status ist zweierlei verbunden:

Der Mensch ist ein sehr gefährdetes Wesen, und er hat, im Unterschied zum Tier, die Möglichkeit zum Bewusstsein seiner Situation und Endlichkeit - und zu relativer Freiheit.

Der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal hat dies bereits im 17. Jahrhundert so formuliert:

"Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das Schwächste der Natur; aber er ist ein denkendes Schilfrohr. Es ist nicht nötig, dass das ganze All sich waffne, ihn zu zermalmen: ein Dampf, ein Wassertropfen reichen hin, ihn zu töten. Aber wenn das All ihn zermalmte, so wäre der Mensch noch edler als das, was ihn tötet, weil er weiß, dass er stirbt, und die Überlegenheit kennt, die das All über ihn hat; das All weiß nichts davon. Der Mensch ist sichtlich geschaffen, um zu denken; darin besteht all seine Würde; und all sein Verdienst und all seine Pflicht ist es, zu denken, wie es sich gehört."

In einer Metapher gesagt: Der Mensch als Individuum ist wie ein flüchtiger Tropfen in einem unendlichen Meer. Zugleich ist aber das Meer auch in ihm. Darin besteht die Würde eines jeden Menschen - unabhängig von seiner Zugehörigkeit zu Rasse, Nation, Tradition, Stand, Klasse usw.

Ich wiederhole die Frage:

Gibt es Hinweise für einen Zusammenhang von Zeit und Ewigkeit, von Endlichkeit und Unendlichkeit, von Relativem und Absolutem in den menschlichen Erfahrungen?

In mindestens drei Formen bzw. Situationen kann dem Menschen das Ewige begegnen - unabhängig vom geographischen, kulturellen und religionsgeschichtlichen Kontext, in dem er lebt:

  1. Mystische Erfahrungen: Sie werden aus allen Zeiten und Kulturen berichtet. Der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein hat hierzu angemerkt, dass der Mensch die Lösung des Problems des Lebens am Verschwinden dieses Problems merkt und dass dies der Grund dafür ist, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, nicht sagen konnten, worin dieser Sinn besteht. Es gibt Unaussprechliches, das sich zeigen kann. Dies ist das Mystische. Wenn es sich zeigt, verschlägt es einem die Sprache.

  2. In der Begegnung von Schönheit und Liebe darf man ein Aufblitzen von Ewigkeit sehen. Die Scham verbietet es, über etwas zu reden, was unabhängig von menschlichem Tun eine "Widerfahrnis" ist, die mit großer Erschütterung verbunden sein kann. Sex ist machbar und käuflich, Liebe nicht. Nur das biologische Herz eines Verstorbenen kann für Transplantationszwecke gekauft werden.

    Im Augen-Blick einer verstehenden, liebenden Begegnung spielt die Zeit als chronos keine Rolle mehr. Ewigkeit ist keine endlose Dauer in der messbaren Zeit, sondern der erfüllte Augen-Blick, der ein Geschenk ist - kairos, das erfüllte Jetzt, in dem chronos verschwindet. Albert Einstein hat dies auf seine liebenswürdig humorvolle Weise sinngemäß einmal so verdeutlicht: Wenn man eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, erscheine einem dies wie zwei Stunden, sitze man aber mit einem netten Mädchen zusammen, kommen einem zwei Stunden wie eine Minute vor.

  3. In Augenblicken der Entscheidung, in denen der Mensch seine Freiheit realisiert, in denen es um den Einsatz seines ganzen Seins geht, kann der Mensch das Gefühl haben, als ob er unter den Augen der Ewigkeit handelt, wie Søren Kierkegaard in seinen Analysen des "existenziellen Ichs" gezeigt hat.

Die jüdische Tradition z.B. hatte ein Gespür für dieses Phänomen, wenn sie davon spricht, dass sich das freie Tun des Menschen unauslöschbar in das "Buch des Lebens" einträgt. Mit der Freiheit der Entscheidung ist die Hoffnung verbunden, so zu handeln, dass der Mensch bei aller Ungewissheit über den Ausgang seines Handelns im unberechenbaren Lauf weltlicher Ursache-Wirkungsketten mit dem Geist seiner Tat durch eine kommende Ewigkeit zu leben vermag - oder mit ihm im nächsten Augenblick sterben kann. Durch das Leben wird die Wiese nicht nur abgemäht, sondern es wird auch etwas in die Scheuer eingebracht. Das Bindeglied zur Ewigkeit ist auch hier der "Punkt" des Augenblicks - und nicht die messbare Erstreckung des Zeitflusses. Der Augenblick, das einmalige Jetzt, wird dabei als Erzeuger und innerster Beweger von Zeit verstanden. Dieser Augenblick bezeichnet die menschliche Offenheit zur immanenten Transzendenz oder transzendenten Immanenz und stellt den verantwortlich Handelnden zwischen Ewigkeit und Zeit. Nicht das, was am längsten, sondern das, was am kürzesten dauert, stellt sich als das heraus, was das Sterbliche an das Unsterbliche, was das Relative ans Absolute bindet.

Diese philosophische Perspektive ist religiös im Sinne "kosmischer Religiosität", die keine Dogmen und keinen Gott kennt, der nach dem Bild des Menschen gedacht wäre.

Ihr Grundgefühl ist die relative Nichtigkeit menschlicher Wünsche und Ziele, das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und die Erhabenheit, wunderbare Ordnung und Kreativität, die sich in der Natur und in der Welt des Geistes offenbaren.

Wie Albert Einstein bereits 1930 im "Berliner Tageblatt" ausgeführt hat, ist die "kosmische Religiosität", die zu keinem geformten Gottesbegriff und zu keiner Theologie führen kann, die stärkste und edelste Triebfeder wissenschaftlicher Forschung:

"Welch ein tiefer Glaube an die Vernunft des Weltenbaus und welche Sehnsucht nach dem Begreifen wenn auch nur eines geringen Abglanzes der in dieser Welt geoffenbarten Vernunft musste in Kepler und Newton lebendig sein, dass sie den Mechanismus der Himmelsmechanik in der einsamen Arbeit vieler Jahre entwirren konnten!"

Für Einstein besteht die Aufgabe von Kunst und Wissenschaft darin, dieses Gefühl unter den Empfänglichen zu erwecken und lebendig zu erhalten.

Denkt man aus der Perspektive "kosmischer Religiosität" über "Gott und die Welt" nach, vermag man an der Grenze zum Schweigen so zu reden wie Alfred North Whitehead:

"Gott ist die unendliche Grundlage aller Geistestätigkeit, die Einheit der Einsicht, die nach physischer Vielheit strebt. Die Welt ist die Vielheit des Endlichen, von Wirklichkeiten, die nach vollkommener Einheit streben. Weder Gott noch die Welt erreichen statische Vervollständigung. Beide sind dem Zugriff der elementaren metaphysischen Grundlage ausgesetzt, dem kreativen Fortschreiten ins Neue. Beide, Gott und die Welt, bilden füreinander das Instrument des Neuen."

Das ständig neue JETZT, der Augen-Blick, ist die Bedingung der Möglichkeit für das Neue in der chronologischen, historischen Zeit - und das stets Neue selbst. Jeder Augen-Blick ist bedeutungsschwer und in sich die Vergangenheit und die Zukunft nicht nur des einzelnen Menschen, sondern des gesamten Kosmos, von dem er ein Teil ist. Der Punkt, wo das Leben

sich des Lebens freut, ist der gegenwärtige Augen-Blick, wie Johann Wolfgang von Goethe trefflich formuliert hat:

"Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige voraus lebendig,

Der Augenblick ist Ewigkeit."

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Ich nähere mich dem Ende meiner Skizze und möchte, bevor ich zum Schluss komme, zunächst noch weitere Fragen stellen und einen Vorschlag machen:

Geld regiert die Welt - und wer regiert das Geld?

Das Geld, ein irgendwann einmal erfundenes Zahlungs- und Tauschmittel, das sich als materialisierte Gier mit eigener Zins-Dynamik als kapitalistisches Geldsystem schon längst verselbständigt hat - als heimlich-unheimlicher Weltregent?

Aristoteles hielt den Zins für "widernatürlich", Augustinus für besonders verwerflich, Mohammed setzte die Zinsnahme dem Wucher gleich, Dante verbannte diejenigen, die sich seiner bedienten, mit den Sündern von Sodom und Gomorrha in den siebten Kreis der Hölle und Martin Luther nannte ihn "das größte Unheil der deutschen Nation".

Ich frage noch einmal: Wie lange lässt es sich die Menschheit noch gefallen, von einem irgendwann einmal erfundenen Tauschmittel beherrscht zu werden, das zum götzenhaften Selbstzweck geworden ist und sich wie ein Krebsgeschwür zerstörerisch in den Beziehungen zwischen den Menschen untereinander und zwischen Mensch und Natur ausgebreitet hat? Ein Götze, der möglicherweise schon bald an seinen eigenen inneren Widersprüchen zerbrechen und als weltweit aufgeblähte Finanzblase zerplatzen wird. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den Kollaps des Hedge-Fonds Long-Term Capital Management LTCM im Jahre 1998. Damals konnte nur durch eine Rettungsaktion der amerikanischen Zentralbank eine Kernschmelze des internationalen Bankensystems verhindert werden. Und als am 13. Dezember 2005 ein offener Immobilienfond der Deutschen Bank geschlossen wurde, schrieb die Börsen-Zeitung: "Die "Sicherheiten' der Hypothekenfinanzierer verfallen, die Banken taumeln in die Krise und das Land in die Rezession, das Finanzsystem wackelt, die Steuerzahler müssen eine zig Milliarden Euro kostende Rettungsaktion schultern."

Will die Finanzwelt darauf warten, bis die Blase platzt - wie seinerzeit die New Economy?

Wie lange lassen Sie es sich als gewählte Volksvertreter noch gefallen, zum Teil wie Marionetten an den unsichtbaren Fäden dieses kapitalistischen Rendite-Götzen zu hängen und wie ein Insolvenzverwalter nur noch über das Hin- und Herschieben von Geld zu streiten, das dem Staat trotz kurzfristig steigender Steuereinnahmen wahrscheinlich in Zukunft immer weniger zur Verfügung stehen wird? Ist dies mit Ihrer Würde als freie Menschen vereinbar? Ist es mit Ihrem Grundgesetzlichen Auftrag vereinbar, der Entkoppelung von Wirtschaft und Politik relativ tatenlos und mehr oder weniger ohnmächtig zuzusehen?

Und wie ist es um die Würde der Menschen in den weit über 3,4 Millionen Haushalten bestellt, die, auch aufgrund der Wirkung unverschämt penetranter und pausenloser Verführungen durch Werbekampagnen, überschuldet sind und nicht mehr ein noch aus wissen - Werbekampagnen, vor denen sich z.B. Kinder und Jugendliche kaum schützen können, die von bestimmten Unternehmen planmäßig und z.B. mit Hilfe von bestimmten Fernsehsendern als ökonomisch auspressbare Zielgruppe umworben werden. In bestimmten krisengeschüttelten Städten gibt es bereits "Schulden-Ghettos", so die Wirtschaftsauskunftei Creditreform Düsseldorf, nach deren Prognose die Schuldnerquote weiter steigen wird, die am 1. Oktober 2006 bei 10,68 Prozent lag. Es gibt in diesem Land ca. sechs Prozent der unter 18-Jährigen, die verschuldet sind. Mehr als 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland leben auf Sozialhilfeniveau oder darunter, d.h. ihre Eltern haben monatlich 207 Euro einschließlich Bekleidung und Schulsachen für ein Kind zur Verfügung. Dazu der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers: "Das sind die Kinder, die nie zum Geburtstag kommen, wenn sie eingeladen sind, weil sie kein Geschenk kaufen können und sich schämen. Die Kinder werden nicht mit zur Klassenfahrt geschickt und haben abgetragene Klamotten an. Sie haben im Bildungssystem keine Chance, das hat Pisa eindrucksvoll bewiesen, und sind auch gesundheitlich benachteiligt durch falsche Ernährung, keine vernünftige Vorsorge." Kinderarmut von heute ist der soziale Sprengstoff von morgen, sie raubt dem Staat seine Zukunft. Im Jahr 2005 betrug die Armutsrate in diesem Land laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) 17,3 Prozent. Experten erwarten, dass Arm und Reich noch weiter auseinander driften werden. Wahrscheinlich ist den mindestens 10 Millionen Menschen, die in diesem Land auf Sozialhilfeniveau leben, der Streit um soziologische Begriffe wie Unterschicht, Prekariat oder Lumpenproletariat ziemlich gleichgültig.

Wie ist es um die Würde der Menschen bestellt, die krank sind und sich trotz ärztlicher Empfehlung nicht krank melden - aus Angst vor Verlust ihres Arbeitsplatzes?

Wann wird in diesem Hause oder in Karlsruhe einmal darüber nachgedacht, ob die vorherrschende Ökonomie und das daraus resultierende Verhältnis der Menschen untereinander mit dem Grundgesetz überhaupt vereinbar sind?

Ist es beispielsweise mit Artikel 14, Absatz 2: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen" vereinbar, dass gemäß kapitalistischer Logik Börsenattraktivität und Gewinnmaximierung bestimmter

Unternehmen und Konzerne durch planmäßige Vernichtung von Arbeitsplätzen und durch raffiniertes Ausnutzen von steuerlichen Schlupflöchern am Rande oder bereits jenseits der Legalität zum Teil gigantische Gewinne erwirtschaftet werden, die weder in der eigenen Volkswirtschaft für die dort tätigen Menschen reinvestiert werden noch dem Staat durch Steuern zugute kommen?

Der Steuersatz für Unternehmen betrug im Jahr 2005 39 Prozent. Danach hätte die Deutsche Telekom, die in diesem Jahr 6,2 Milliarden Euro verdient hatte, 2,4 Milliarden Euro Steuern zahlen müssen. Gezahlt hat sie lediglich 196 Millionen Euro, ihr effektiver Steuersatz betrug somit drei Prozent. Daimler-Chrysler überwies 14,9 Prozent Steuern an den Fiskus, die Deutsche Post 19,8 Prozent, Siemens 23,4 Prozent, Henkel 26,1 Prozent, die Allianz 26,3 Prozent und TUI hat 2005 überhaupt keine Ertragssteuern gezahlt.

In der letzten Zeit kam es zu folgenden Massenentlassungen:

Bei Karmann 1250 Menschen, bei Bayer-Schering 6000 Menschen, bei der Allianz 7500 Menschen, 9000 Menschen bei Siemens/Nokia, 14 500 Menschen bei Daimler-Chrysler, 20 000 Menschen bei VW, bei der Telekom 32 000 Menschen plus X. Wahrscheinlich werden dort bis zum Jahr 2010 insgesamt 55000 Stellen weggefallen sein. Welcher Konzern bietet demnächst mehr?

Vor kurzem schrieb der Berliner Wirtschaftspublizist Hans-J. Schmahl: "Wissen wir eigentlich noch, was wir tun? ... Wenn keiner sich ins Ruder legt und den Kurs ändert, werden wir alle mit dem Narrenschiff untergehen - politisch, wirtschaftlich, moralisch."

Wahrscheinlich sind es in erster Linie die nicht börsenorientierten ca. 3,3 Millionen Familienunternehmen und mittelständigen Betriebe, die aufgrund ihrer Werteorientierung, ihrer sozialen Verantwortung für Mitarbeiter und Region und den sorgsameren Umgang mit verfügbaren finanziellen Mitteln das Rückgrat der Wirtschaft bilden - und zwar nicht nur in moralischer Hinsicht. Ist es gerecht, dass sie über 40 Prozent Steuern zahlen und eine steuerliche Gleichstellung von Personen- und Kapitalgesellschaften erst für das Jahr 2008 geplant ist?

Wann wird in den Vereinten Nationen einmal darüber nachgedacht, ob der entfesselte Global-Kapitalismus mit den Menschenrechten vereinbar ist? Immerhin hat Deutschland eine Stimme im Menschenrechtsrat, dem die USA bezeichnenderweise nicht angehören, und könnte, wenn es wollte, dort Fragen stellen, Reflexionen über dieses Thema anregen und z.B. an Mahatma Gandhi erinnern, der einmal gesagt hat: "Auf dieser Welt gibt es genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier."

In diesem Zusammenhang nannte er die "sieben sozialen Sünden der Gesellschaft":

Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Erkenntnis ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opfer, Politik ohne Prinzipien.

Ghandi hielt es für falsch, Politik als wertfreie Verfolgung von materiellen Zwecken zu betreiben. Seine Verbindung von Politik und Ethik ist ein Beispiel für einen gesunden Realismus und aktueller denn je.

Es ist kein Zufall, dass die Mehrzahl der multinationalen Unternehmen dem von Kofi Annan 1999 vorgeschlagenen UN Global Compact, dessen Kern zehn Prinzipien bezüglich Menschenrechten, Arbeitsnormen, Umweltschutz und Antikorruptionsmaßnahmen sind, noch immer skeptisch oder zumindest abwartend gegenübersteht.

In seinem Appell zu Beginn der Arbeit des neuen Menschenrechtsrats, der die 60 Jahre alte UN-Menschenrechtskommission abgelöst hat, sagte der Generalsekretär der Vereinten Nationen 2006 kurz vor dem Ende seiner Amtszeit:
"This council represents a great new chance for the United Nations, and for humanity, to renew the struggle for human rights. I implore you, do not let the opportunity be squandered."

Was macht die bisher weitgehend übliche Praxis der Politik mit und aus den in ihr engagierten Menschen? Sie, meine Damen und Herren, können besser als andere beurteilen, ob Eugen Drewermann Recht hatte, als er schon vor vielen Jahren einmal schrieb:

"Wer heute "Politik' sagt, meint damit immer auch das Spiel mit Menschen und um Menschen, er meint damit immer auch den ständigen Verstoß gegen das oberste Prinzip der Humanität, wonach der Mensch niemals als Mittel zum Zweck, sondern stets als Zweck an sich selbst gelten müsse, er meint immer auch die konkreten Tragödien im Kampf um die Macht und um den Erhalt von Macht."

Vom inneren Zusammenhang zwischen Macht, Machtmissbrauch, Geld, Gier und Korruption gar nicht zu reden, die wahrscheinlich Geschwister sind und inzwischen nicht nur in Wirtschaft und Politik an wer weiß wie vielen Stellen ihr Unwesen treiben, wie einige frühere Strafprozesse gegen Politiker wegen krimineller Machenschaften in Parteispendenaffären und noch nicht abgeschlossene Strafprozesse gegen sog. Top-Manager aus Deutschland beweisen.

Immanuel Kant, an dessen kategorischen Imperativ Drewermann erinnert, hat einmal formuliert, dass bereits die Lüge eine "Wegwerfung und Vernichtung" der Menschenwürde ist: Ein Mensch, der selbst nicht glaube, was er einem anderen sagt, habe einen noch geringeren Wert, als wenn er bloß eine Sache wäre. In diesem Zusammenhang forderte er, dass jeder Mensch die Würde der Menschheit an jedem anderen Menschen anzuerkennen habe.

Ich schlage vor, dass in Zukunft jeder Politiker, der bei der Ausübung öffentlicher Ämter der Lüge überführt wird, entweder sofort freiwillig von seinen Ämtern zurücktritt oder andernfalls zurückgetreten wird, weil er nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Die Menschen auf dieser Welt sind es leid, von Politikern belogen zu werden, wie auch das Beispiel des ungarischen Volkes aus dem Jahr 2006 zeigt.

"Lüge" heißt: etwas nicht sehen wollen, das man sieht; etwas nicht so sehen wollen, wie man es sieht. Dabei ist die gewöhnlichste Lüge die, mit der man sich selbst belügt.

Deutschland hat eine Chance in der Zukunft, wenn nicht mehr die Ehrlichen die Dummen sind, sondern die Falschspieler und Lügner - und wenn aus der Warengesellschaft endlich eine wahre Gesellschaft wird, in der sich die menschliche Energie entfalten kann.

Ich komme zum Schluss:

Vor 10 Jahren hat Carl Friedrich von Weizsäcker 4 Vorlesungen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zu der Frage gehalten "Wohin gehen wir?"

Am Ende seiner 4. Vorlesung mit der Frage "Was sollen wir tun?" sagte er:

"Wir alle müssen lernen, einander wahrzunehmen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Wahrnehmung erst nach nochmaligen, vielleicht unvergleichlich großen Katastrophen eintreten wird. Aber ich bin überzeugt, sie ist möglich. Lasst uns lernen, einander wahrzunehmen, einander ernst zu nehmen. Lasst uns verantwortliche Nächstenliebe lernen!"

Ich füge hinzu:

Aus meta-physisch-kosmologischer Perspektive ist das Universum wahrscheinlich eine sich selbst heilende Tautologie, die der Menschen, die einer Menschheit bedarf, deren Würde im Einzelnen und Allgemeinen nicht mehr gefährdet ist.

Ein weiser Mann aus Deutschland fragte einmal einen weisen Mann aus Japan: "Gleicht nicht der Mensch, der sucht, dem Fisch, der das Wasser sucht?"

"So ist es," sagte der Weise aus dem Osten lächelnd, "aber eigentlich ist es noch anders: Es ist das Wasser, das das Wasser sucht."

Am Ende meiner Skizze stehen Albert Einsteins Einsicht:

"Imagination is more important than knowledge"

- und die Menschheitshymne von John Lennon:

"Imagine there's no heaven, see this if you try

no hell below us, above us only sky

Imagine all the people living for today.

Imagine there's no countries, it isn't hard to do

Nothing to kill or die for, and no religion too.

Imagine all the people living life in peace. You,

You may say I'm a dreamer, but I'm not the only one

I hope some day you'll join us, and the world will be as one

Imagine no possessions, I wonder if you can

No need for creed, no hunger, a brotherhood of man.

Imagine all the people cheering all the world. You,

You may say I'm a dreamer, but I'm not the only one

I hope some day you'll join us, and the world will live as one."

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Kronberg, im Februar 2007)

www.wolfgang-karb.de